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inhalt
1. das 8. und 7. jahrhundert v.
chr.
Die Quelleninformationen über die Frühphase der spartanischen außenpolitischen Aktivitäten sind mit großer Vorsicht zu betrachten, denn vieles ist
reine Erfindung und Legendenbildung. Lediglich die Gedichte des Tyrtaios und die Schriften des Pausanias mit ihrer an den spartanischen Königslisten ausgelegten Chronologie
sind als ernstzunehmende Quellen heranzuziehen. Besonders in Bezug auf die Messenischen Kriege und das 7. Jahrhundert ist unser Wissen jedoch sehr rar, und nur der zeitgenössische
Redner, Politiker und Dichter Tyrtaios vermag diesem Informationsmißstand geringfügig abzuhelfen.
Sparta war im 8. Jh., entgegen weitläufigen Annahmen auch der modernen Forschung, über einen langen Zeitraum hinweg keineswegs die mächtigste lakonische Siedlung.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war zwar die Unterwerfung großer Teile des Eurotastales nach der Eroberung und Angliederung Amyklais und der Neubesiedelung
von Geronthrai als Konsequenz einer starken Bevölkerungszunahme weit fortgeschritten, aber erst gegen Ende des Jahrhunderts konnte die Okkupation des gesamten Tales mit
der Einnahme von Helos im südlichen Lakonien vollendet werden. Der spartanische Herrschaftsanspruch über die vereinnahmten lakonischen Siedlungen wurde wahrscheinlich
durch den beeindruckenden Stammbaum seiner Könige legitimiert und schließlich auch hingenommen. Schon in dieser Zeit kam es zu ersten Konflikten mit dem zu Helos in
enger Beziehung stehenden Argos um das im Nord-Osten gelegene Hügel- und Bergland der Karyatis und Kynouria sowie mit dem an Nordlakonien angrenzenden Arkadien um die Aigytis.
Dafür muß man als Grundlage annehmen, daß dem eine vorherige Eroberung der Tripolis, wahrscheinlich auch der Beleminatis und Skiritis, seitens Sparta vorausging.
Demzufolge geriet Sparta noch vor der Vollendung der Besetzung der Eurotasebene in auswärtige Kämpfe, wobei es erste Schutzzonen aus Perioikenstädten im Nord-Osten
(Belemina/Skiritis) und später im Süden Lakoniens (Tainaronhalbinsel/Helos) bildete.

Das gesamte 7. Jh. war zum einen durch andauernde Konflikte mit der rivalisierenden
Regionalmacht Argos und mit südarkadischen Siedlungen, zum anderen aber durch die heftigen und langwierigen Auseinandersetzungen mit Messenien in den sog. Messenischen Kriegen
gekennzeichnet. Das erste verzeichnete Großunternehmen des nunmehr erstarkten spartanischen Gemeinwesens war ein Krieg gegen das benachbarte Messenien, angeblich unter
der Führung des Königs Theopomp. Möglicher, legendenbehafteter Ursprung dieses Krieges waren evtl. eher spontane, mehr oder weniger unbedachte Aktionen verschiedener
Adliger und ihrer Gefolgschaften, welche die möglichen Konsequenzen ihres Vorgehens unterschätzt hatten. Beispielsweise beschuldigten die Spartaner die Messenier, in
einem Grenzheiligtum der Artemis den Spartanerkönig Teleklos und andere ermordet zu haben, während die Messenier behaupteten, von diesem überfallen worden zu sein.
Daß sich diese Geschichte recht harmonisch in die bei Pausanias gegebene Ereignisabfolge im Vorfeld des sog. 1. Messenischen Krieges einpaßt, kann als ein Indiz für
ihre Historizität gesehen werden (Meier). Jedenfalls gewann der Konflikt schnell eine Eigendynamik und weitete sich auf die messenischen und lakedaimonischen Gemeinwesen
aus, unterstützt jeweils von argivischen und arkadischen Adligen auf messenischer und von samischen Adligen und kretischen Söldnern auf spartanischer Seite. Allerdings
ist diese Kriegsentstehungstheorie - obwohl möglich - eher zweifelhaft. Vielmehr werden Eroberungswillen und Landhunger die für den 1. Messenischen Krieg mit hoher
Wahrscheinlichkeit anzunehmenden Beweggründe gewesen sein.
Die spartanischen Truppen fielen durch den Paß von Oitylos über den Taygetos-Gebirgszug ins südliche Messenien ein, eroberten die Dentheliatis und gründeten
im Nedontal sowie im Küstengebiet Perioikenstädte, z.B. das neue Asine. Von Norden her kam es zu einem langen, erbitterten Kampf um die obere Pamisosebene gegen die
Messenier. Der Zeitraum des Konfliktes ist allerdings schwer zu datieren, da die Informationen bei Tyrtaios sehr vage sind und nur auf einen Krieg der Großväter gegen
Messenien hinweisen, also keine verläßlichen Anhaltspunkte geben. Mit Hilfe der wahrscheinlich gewissenhaft geführten, trotzdem aber für die Frühzeit
umstrittenen Olympionikenlisten könnte man diesen Krieg in die Jahre zwischen 740 und 720 ansiedeln, denn bis 736 überwiegen die messenischen, ab 720 die spartanischen
Athleten bei gleichzeitigem Verschwinden der Messenier aus den Listen. Einen weiteren Hinweis erhalten wir darüber hinaus in den Schriften des Strabon, der einen Krieg (2.
Mess. Krieg) mit Messenien 280 Jahre vor dessen Wiederbefreiung 371 andeutet. Rechnet man daraufhin anhand der Angaben des Tyrtaios noch zwei Generationen zurück, erhält
man ungefähr einen ähnlichen Datierungsrahmen. Allerdings überliefern Plutarch (Plut. mor. 194B) und Aelian (Ael. var. hist. 13, 42) parallel einen Zeitpunkt,
der lediglich 230 Jahre vor der Wiederbefreiung Messeniens liegt. Und da das ursprüngliche Asine ca. 715 von Argos zerstört wurde - laut den Quellen eine Generation
vor dem 1. Messenischen Krieg - und das neue Asine in Südmessenien nach diesem Konflikt gegründet wurde, spricht auch vieles für einen Zeitraum zwischen 700/690
und 680/670. Sicher ist also nur, daß es um 700 herum einen vermutlich in das frühe 6. Jh. reichenden, längeren militärischen Konflikt Spartas mit Messenien
gegeben hat, der nach der Eroberung und Zerstörung der Bergfeste Ithome und der Absicherung des Gebietes mit Perioikenstädten zugunsten Spartas entschieden wurde.
Dazu Tyrtaios (F 4 D, ohne Akzente, übers. v. J. Latacz, Schriftart ´Symbol´ wird benötigt):
hmeterwi basilhi, Jeoisi jilwi Qeopompwi,
on dia Messhnhn eilomen eurucoron,
Messhnh agaJon men aroun, agaJon de juteuein,
amj authn d´ emacont enneakaidek eth,
nwlemewV aiei talasijrona Jumon econteV,
aicmhtai paterwn hmeterwn patereV,
eikostwi d´ oi men kata piona erga liponteV
jeugon IJwmaiwn ek megalwn orewn.
Unserem Basileus, dem Götterliebling Theopomp,
durch dessen Verdienst wir das weiträumige Messenien eroberten,
Messenien, vortrefflich zu beackern, vortrefflich zu bepflanzen.
Um dieses kämpften neunzehn Jahre lang,
rastlos, unermüdlich, mit standhaftem Mut,
die lanzenbewehrten Väter unserer Väter,
im zwanzigsten aber verließen die einen die fetten Äcker
und flohen von den gewaltigen Gipfeln des Ithome.
Es ist jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Spartaner
nicht 20 Jahre lang beständig im Feld standen, vielmehr kann man bis zur letztendlichen Entscheidung mit jährlichen Einfällen in messenisches Gebiet rechnen, ähnlich
der Taktik gegen Attika im Peloponnesischen Krieg. Hooker vermutet darüber hinaus, daß die Beschreibung "20 Jahre" bei Tyrtaios keine reale Zeitspanne darstellt,
sondern lediglich - in Anlehnung an Homer - eine Aussage über eine lange Zeitdauer des Konfliktes. Nach dem Sieg wurde die messenische Bevölkerung der eroberten Gebiete
helotisiert und zahlreiche messenische Adlige verbannt (F 5, 1-3 D):
wsper osoi megalois acJesi teiromenoi,
desposunoisi jeronteV anagkaihV upo lugrhV
hmisu pan osswn aroura jerei.
Eseln vergleichbar, gebeugt unter der drückenden Last,
müssen sie ihren Gebietern, schmählich gezwungen, die Hälfte
geben von allem Ertrag, der aus dem Acker erwächst.
Sparta konnte darüber hinaus mit diesen Eroberungen dem Problem einer wachsenden
Bevölkerung schon frühzeitig durch eine Erweiterung des spartanischen Kerngebietes entgegenwirken und mit der Aneignung einer solch großen Fläche den Grundstein
für seine spätere Großmachtpolitik legen.
Gegen Ende des 8. Jh. (ca. 706) wurde im Rahmen einer allgemein griechischen Kolonisationsbewegung die spartanische Kolonie Tarent von Phalantos in Westitalien gegründet,
der Sage nach durch Auswanderung ungeduldeter Bürger, in der Realität wohl eher aufgrund von Abenteuerlust - obwohl die mythologische Begründung nicht ganz abwegig
sein muß. (Bei diesem einzigen Kolonieversuch Spartas sollte es bleiben, abgesehen von den mißglückten Unternehmungen des Dorieus 514-510 zur Konsolidierung
einer eigenen Herrschaft in Afrika und Sizilien.). Landnot könnte ebenfalls ein durchaus plausibler Grund für das Kolonisationsunternehmen sein, allerdings steht und
fällt diese Begründung mit der Datierung des 1. Messenischen Krieges.
Das 7. Jh. bietet uns größtenteils nur wenige Fixpunkte. Spartas Konflikte mit dem erstarkenden Argos und mit den Arkadern spitzten sich in der 1. Hälfte des
Jahrhunderts zu. Die Ansiedlung von durch Argos vertriebenen Asinern im neuen Asine an der Südostküste Messeniens nach dem 1. Messenischen Krieg stellte dabei eine
offene Provokation seitens Sparta dar, und weil Argos in seinem Expansionsdrang bald an die Grenzen Spartas stieß, mußte es zwangsläufig zu militärischen
Auseinandersetzungen der beiden aufstrebenden Poleis kommen. Trotz einiger Niederlagen - Hysiai im Jahre 669 ist diesbezüglich höchstwahrscheinlich als historische
Fiktion zu sehen - eroberte Sparta allmählich die ganze Westküste des argivischen Golfes bis Malea und nahm zusätzlich die Insel Kythera ein.
In der zweiten Hälfte des 7. Jh. (ca. 650-620, Hooker: 660-640, Meier: 640/30-610/600) kam es u.a. im Zuge erster größerer politischer Zusammenhänge auf
der Peloponnes zu einem Bündnis zwischen Sparta (wahrschnl. unterstützt noch von Samos) und Elis gegen die Pisaten im Kampf um die Phigaleia. Diese hatten sich mit
den Arkadern, Argivern und aufständischen Messeniern gegen die beiden Erobererstaaten verbündet. Der Aufstand der Messenier zog durch den Verlust der messenischen Ländereien
zusätzlich eine schwere wirtschaftliche und innenpolitische Krise Spartas nach sich, die durch militärischen Mißerfolge und Pattsituationen in den ersten Kriegsjahren
noch verschlimmert wurde. Schließlich besiegte Sparta die Messenier mitsamt den Verbündeten durch die Einführung der neuen Hoplitentaktik bei der sog. "Schlacht
am großen Graben" vernichtend, worauf jene sich in die Bergfeste Eira flüchteten und zu einer Guerillataktik überwechselten. Nach einer langen Belagerung
der Feste mußten die Messenier letztlich kapitulieren und eine harte Behandlung - die vollständige Helotisierung - Spartas über sich ergehen lassen. Die Eroberung
Messeniens war mit der Einnahme der Mittelebene gegen Ende des 7. Jh. vollendet, und zur Absicherung nach Norden schuf Sparta mehrere Perioikensiedlungen, darunter Kyparissia
im Nord-Westen und Andania am Übergange von Messene zu Megalopolis gegen das feindliche Arkadien. Allerdings ist in Bezug auf die Messenischen Kriege davon auszugehen, daß
es nicht nur zwei Hauptkonflikte gegeben hat. Vielmehr verlief die Eroberung und vollständige Unterwerfung Messeniens in mehreren Etappen über einen langen Zeitraum,
vermutlich sogar über das gesamte 7. Jh. hinweg. Der Kampf um die Macht auf der Peloponnes war danach vorläufig entschieden und führte zu einer Stabilisierung
der spartanischen Herrschaft. Der Schiedsspruch, mit dem Sparta Salamis Athen zu- und Megara absprach, verdeutlicht beispielsweise seine inzwischen in ganz Griechenland anerkannte
Machtstellung.
Nach dem 2. Messenischen Krieg herrschte ein vorläufiger Friede, Sparta erfuhr allgemein eine kulturelle Blüte und besaß durch seine Häfen (bes. Helos) rege
Kontakte über See. Ionische Einflüsse in Kunst und Lebensart lockerten die Spartiatengesellschaft etwas auf. Die großen Aktivitäten und außenpolitischen
Entscheidungen dieser Zeit standen unter der politischen Führung der Könige, die einen bedeutsamen Machtfaktor dadurch innehatten, gemeinsam mit den Geronten Beschlüsse
des souveränen Volkes annullieren und nach ihren Vorstellungen handeln zu können. Doch die innenpolitische Krise während des 2. Messenischen Krieges und deren
Folgen erforderte eine rasche und systematische Umorganisierung der spartanischen Gesellschaft und eine militärische Reorganisation: Aus dem lebendigen, aktiven archaischen
Staat des 7. Jh. wurde, angeblich durch "lykurgische Prägung", ein politisch, wirtschaftlich und kulturell von der Außenwelt abgeschlossenes Spartiatentum
mit einem Schwergewicht auf militärischer Erziehung und Lebensweise.
2. das 6. jahrhundert v. chr.
Für das 6. Jh. ist Herodot unsere wichtigste Quelle, besonders in Bezug auf die Kämpfe gegen Arkadien und Argos und die spartanischen Machterweiterungen. Viele andere
Darstellungen zu dieser Zeit sind regelrecht legendenüberladen und können für eine ereignisgeschichtliche Untersuchung nicht herangezogen werden (Bsp.: Mythos
von Chilon, von dem nur sicher ist, daß er um 550 wirkte und zu den sieben Weisen gezählt wurde). Im Verlauf dieses Jahrhunderts legte Sparta seinen "Provinzialismus"
ab und trat offiziell in enge Berührung mit Poleis außerhalb der Peloponnes. Rege Handelsbeziehungen, Kontakte und Aktionen adliger Einzelpersonen/-familien oder auch
staatliche Interventionen erweiterten den politischen und wirtschaftlichen Horizont Spartas. Dabei stieß es im Westen bis nach Etrurien, im Süden bis an die Küste
Afrikas und im Osten bis nach Rhodos und Samos vor. Darüber hinaus begannen die Spartiaten, sich als die wahren Erben des Agamemnon zu betrachten und bestärkten diesen
Anspruch mit der Überführung der Gebeine des Orest von Tegea nach Sparta, was eindeutig als ein Instrument und Symbol spartanischer Machtpolitik und spartanischen Selbstbewußtseins
gedeutet werden kann. Schließlich sahen sich, dies bestätigend, die Könige und hohen Familien in erster Linie als Achäer und erst zweitrangig als Dorier.
Außerdem sollte diese Propaganda die militärischen Unternehmungen der Lakedaimonier unterstützen, zu denen es im Verlauf des 6. Jh. häufig kommen sollte.
572 unterwarfen die Eleier, unterstützt von Sparta, die Pisaten. Sparta führte dann einige glücklose Feldzüge gegen die Arkader, und hier besonders gegen
Tegea, dessen Bekämpfung sich als langwierig erweisen sollte. Nach einer zwar erfolglosen, aber kräftezehrenden Belagerung der Stadt kamen die Tegeaten mit den Spartanern
überein, ein Bündnis mit diesen einzugehen, wobei der Machtschwerpunkt klar auf der Seite Spartas lag. Dadurch wurde Mitte des 6. Jh. die Epoche des Peloponnesischen
Bundes eingeleitet ("Die Lakedaimonier und ihre Bundesgenossen"). Die Stärkung der spartanischen Position rief jedoch erneute Auseinandersetzungen mit Argos hervor,
welches Sparta abermals unterlag und schließlich die Thyreatis einbüßte. Sparta beherrschte nun ein Polisgebiet von 8500 km² (Vergleich: Athen 2500 km²)
und erlangte zusammen mit einem Ring aus Perioikensiedlungen - Strabon spricht hier von ungef. 100 Poleis (Strab. 8, 362) - sein endgültiges Staatsgebiet. Kurz darauf traten
auch die anderen Poleis Arkadiens, darunter Mantineia und Orchomenos, sowie viele sonstige Staaten der Peloponnes diesem Bund bei; nicht zum Bunde gehörten Argos und Achaia.
Der Bund war locker organisiert, mit relativ autonomen Bündnern und Sparta an deren Spitze, wodurch Sparta, mit dem Sicherheitskordon des Bundes um sich, zum unangefochten
mächtigsten Staat Griechenlands wurde. Führenden oligarchischen Schichten anderer Poleis (Phleius, Korinth) bot das Bündnis mit Sparta eine Garantie zur Behauptung
ihrer Stellungen. Das erklärt auch das Hilfegesuch von Kroisos an Sparta im Kampf gegen Kyros 546. Sparta fühlte sich Kroisos gegenüber zwar in der Pflicht - nicht
zuletzt durch seine Reichtümer gereizt -, brach das Hilfsunternehmen aber nach der Nachricht von Kroisos´ Niederlage wieder ab. Ein ähnliches Gesuch einer ionisch-äolischen
Delegation beantwortete Sparta lediglich mit einer Gesandtschaft an Kyros, die ihm die Warnung zukommen lassen sollte, die kleinasiatischen Griechen in Ruhe zu lassen. Daß
Kyros diese Warnung nicht sehr ernst nahm, bedarf hier keiner Erwähnung.
Hdt. 1, 152-153 (Übers. W. Marg):
(152) Als nun die Boten der Ionier und Aioler nach Sparta kamen - denn diese Sache wurde in
aller Eile betrieben -, wählten sie zu ihrem Wortführer den Mann aus Phokaia, der hatte den Namen Pythermos. Der legte eine Purpurgewandt an, damit auf diese Kunde
recht viele Spartiaten zusammenkämen, trat vor sie und bat in einer langen Rede um ihren Beistand. Die Lakedaimonier aber hörten nicht auf ihn, sondern beschlossen,
den Ioniern nicht zu helfen. Die kehrten also heim, die Lakedaimonier aber sandten, obwohl sie der Ionier Boten abgewiesen, dennoch Männer auf einem Fünfzigruderer
aus; wie mir scheint, um auszukundschaften, wie es stehe mit Kyros´ Macht und Ionien. Als diese nach Phokaia kamen, sandten sie ihren angesehensten Mann nach Sardes,
der hatte den Namen Lakrines. Er war beauftragt, Kyros eine Erklärung der Lakedaimonier vorzutragen, er solle keine Stadt in hellenischen Landen antasten, denn das würden
sie nicht dulden. (153) Als der Herold so sprach, soll Kyros die Hellenen, die bei ihm waren, gefragt haben, was denn das für Leute seien, die Lakedaimonier, und wie groß
ihre Zahl, daß sie ihm das entbieten ließen. Und als er´s erfahren, habe er zu dem spartanischen Herold gesagt: "Ich habe mich noch nie vor Leuten gefürchtet,
die mitten in der Stadt einen Platz dazu bestimmt haben, sich dort zu treffen und gegenseitig mit Eid und Schwur zu betrügen. Die werden, wenn ich gesund bleibe, noch
genug zu schwatzen haben, nicht über die Leiden der Ionier, sondern ihre eigenen." Mit diesen wegwerfenden Worten meinte Kyros alle Hellenen, weil sie Märkte
haben, wo man kauft und verkauft; die Perser selber nämlich haben nicht die Gewohnheit, Märkte abzuhalten, und es gibt bei ihnen überhaupt keinen Marktplatz.
Beachtenswert an der zitierten Passage ist, daß Kyros die Spartaner als
Händler einordnete, und tatsächlich waren spartanische Händler im Mittelmeerraum keine Seltenheit. Spartas Interesse an der Ägäis und seine Kontakte
waren hinreichend bekannt, spartanische Adlige pflegten gute Beziehungen nach Auswärts und traten "international" in Erscheinung. In diesem Zusammenhang muß
auch die spartanisch-korinthische Unterstützung samischer Exilanten gegen den samischen Tyrannen Polykrates im Jahre 524 erwähnt werden. Dabei ist es jedoch fraglich,
ob jenes Unternehmen offiziell vom Staat gebilligt war oder vielmehr nur von vereinzelten Adligen geleitet wurde. Als Motiv für den Zug gegen Samos wurde Rache für
samisches Seeräubertum angegeben, wahrscheinlicher ist aber, neben der Beutelust, die Einflußnahme auf eine bedeutende Polis und die stärkste Seemacht in der
Ägäis, die Verbundenheit mit samischen Exilanten sowie die Beseitigung des perserfreundlichen und -unterstützenden Polykrates und somit eine Behinderung der persischen
Expansion. Das Unternehmen schlug jedoch fehl, und Sparta, dessen Aufmerksamkeit zu dieser Zeit der Ägäis galt, zog sich aus diesem Raum Griechenlands zurück.
Weiterhin ist es zwar ungewiss, ob schon vorher ein Bündnis zwischen Sparta und Korinth bestanden hatte, aber spätestens zu dieser Zeit arrangierten sich die beiden
Poleis miteinander und profitierten beidseitig durch ihre verschiedenen militärischen Machtpfeiler (Sparta war Landmacht, Korinth eine Seemacht). Allerdings kann ein klares
Streben nach der Hegemonie über ganz Griechenland zu dieser Zeit keinesfalls angenommen werden.
Die spartanische Außenpolitik wurde zwischen 550 und 520 von den Königen, einer Mehrheit der Ephoren und Teilen des Ältestenrates verantwortet, deren Einfluß
nach genannten Fehlschlägen sank. Unter dem Agiaden Kleomenes I., einem der energischsten und umstrittensten Könige der spartanischen Geschichte, der ca. 520 den Thron
bestieg, spielte diese Konstellation hinter dem zweiten König Demaratos jedoch eine untergeordnete, oppositionelle Rolle. Kleomenes änderte die Richtung der spartanischen
Außenpolitik, das Interesse galt jetzt nicht mehr der Ägäis, sondern der Machtkonsolidierung auf der Peloponnes und der Einflußnahme in Mittelgriechenland
durch die Unterstützung spartafreundlicher Oligarchien, wobei die angebliche Tyrannenfeindlichkeit Spartas als ein Topos der Geschichtsschreibung angesehen werden kann und
nicht glaubwürdig ist (bezeugt sind nur die Tyrannenvertreibungen in Sikyon und Athen). Zu dieser neuen Politik des Kleomenes´ paßt auch die Abweisung des Samiers
Maiandros, der um Hilfe bei seiner Einsetzung als Tyrann in Samos bat und nicht zögerte, Kleomenes bestechen zu wollen oder das Ablehnen des Hilfegesuches des Aristagoras
von Milet am Vorabend des ionischen Aufstandes.
Besonders Athen stand in den folgenden Jahren im Zentrum der spartanischen Interessen. Schon 519 startete Kleomenes einen Versuch, Athen Sparta gefügig zu machen, indem
er das Gesuch Platääs, in den Peloponnesischen Bund aufgenommen zu werden, abwiegelte und die Platääer an Athen verwies, um dieses in Konflikt mit Theben
geraten zu lassen, was aber letztendlich nicht in der erhofften Form gelang. Eine Wende in den Beziehungen zwischen Athen und Sparta wurde erst acht Jahre später eingeleitet.
Die von den Peisistratiden vertriebenen Alkmeoniden beeinflußten das delphische Orakel, um eine Intervention Spartas gegen den athenischen Tyrannen Hippias zu erreichen,
was ihnen schließlich glückte. 511 scheiterte zunächst der Versuch eines spartanischen Eingreifens in Attika aufgrund der Niederlage des spartanischen Heeres
unter Anchimolios gegen die Athener und Thessalier. Ein Jahr später führte Kleomenes persönlich ein Heer gegen Athen und vertrieb Hippias. Als sich jedoch die
Situation in Athen unter den Alkmeoniden und ihrem Oberhaupt Kleisthenes nicht nach Spartas Vorstellungen entwickelte und man zudem noch erkannte, von Delphi betrogen worden
zu sein, intervenierte Kleomenes 507 abermals mit einem Heer in Athen und wollte den sehr viel fügsameren Isagoras an die politische Spitze stellen. Kleisthenes floh, und
700 Familien wurden verbannt. Dies nahmen die Athener jedoch nicht hin und belagerten die Spartaner und die hinter Isagoras stehenden Athener, welche sich in ihrer hoffnungslosen
Lage auf der Akropolis festgesetzt hatten. Nach einem Abkommen wurde den Spartanern freier Abzug gewährt, die Athener wurden hingerichtet. Durch diese Schmach zutiefst verärgert,
gedachte Kleomenes ein Jahr später, 506, zusammen mit den Bündnern Athen anzugreifen, aber auf dem Weg dorthin zerfiel sein Heer bei Eleusis, weil Kleomenes seinen
Bündnern dort erst mitteilte, warum sie Athen angreifen sollten. Die Korinther zogen sich zurück, und - noch verhängnisvoller - der Mitkönig Demaratos sah
seine Chance zur Überflügelung seines dominanten Kollegen gekommen und verließ ebenfalls das Heer, um Kleomenes der Lächerlichkeit preiszugeben und selbst
zum ersten König aufzusteigen. Kleomenes schaltete daraufhin den schwachen Demaratos durch ein Gesetz aus, daß nur ein König das Heer führen dürfe,
und darüber hinaus verpflichtete er alle Mitglieder des Bundes zur unbedingten Heerfolge. Der Konflikt mit Athen trat allerdings vorerst in den Hintergrund.
494 kam es zu einer katastrophalen Niederlage der Argiver im Kampf gegen Sparta und Kleomenes. Das delphische Orakel hatte ihm verheißen, zu dieser Zeit Argos, die alte
Todfeindin Spartas, zu nehmen. Durch eine List des Königs wurden die Argiver im Feld vernichtend geschlagen und hatten ca. 6000 Tote zu beklagen, eine für damalige
Verhältnisse unglaubliche Zahl. Kleomenes sah das Orakel erfüllt und zog ab, ohne Argos direkt anzugreifen - wohl auch wegen der sehr guten Befestigungen der Stadt.
In Sparta wurde er daraufhin von der immer noch aktiven Opposition der Bestechung angeklagt und freigesprochen, da nach wie vor der Großteil der Spartiaten hinter ihm stand.
Auf diesen Prozeß und die weiteren innenpolitischen Widerstände hin erwirkte Kleomenes schließlich die gewaltsame Absetzung von Demaratos und machte seine Gegner
damit mundtot. 491/91 vereinigte er unter seiner Führung Athen und Mittelgriechenland gegen den persischen Aggressor und ging gegen Aigina vor, das sich Darius unterworfen
hatte. Das Ende von Kleomenes I. ist unbekannt, die Quellen berichten zwar vom Selbstmord eines Wahnsinnigen, die Glaubwürdigkeit dieser Berichte ist jedoch gering. Letztlich
kann man Sparta aber ohne Zweifel zugestehen, die außenpolitisch aktivste Polis des 6. Jh. gewesen zu sein.
Literatur:
Busolt, G., Griechische Geschichte bis zur Schlacht bei Chaeroneia, 3 Bde. in 4, Gotha 1893-1904 (ND 1967).
Busolt, G., Griechische Staatskunde, 2 Bde. (Bd. 2 bearb. v. H. Swoboda), München 51920-26 (HAW IV 1.1.1. (ND 1979) u. IV 1.1.2. (ND 1972)).
Clauss, M., Sparta. Eine Einführung in seine Geschichte und Zivilisation, München 1983.
Ehrenberg, V., Sparta (Geschichte), in: RE II 6, 1929, 1369-1453.
Hooker, J.T., Sparta - Geschichte und Kultur, übers. v. E. Bayer, Stuttgart 1982.
Meier, M., Aristokraten und Damoden. Untersuchungen zur inneren Entwicklung Spartas im 7. Jh. v. Chr. und zur politischen Funktion der Dichtung des Tyrtaios, Stuttgart 1998.
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