inhalt
1. einleitung
Trotz des großen Befreiungsschlages der alliierten Völker gegen
das Regime des deutschen Nationalsozialismus und dessen Demontage erfuhr
das Phänomen der Angst, gegenüber gegenteiligen Erwartungen,
einen wahren Aufschwung. Nach Neumann sollte die Angst daher ein zentrales,
allen Zweigen gemeinsames Problem der Wissenschaft sein, da jegliche Art
von Angst die Freiheit der persönlichen Entscheidung bis zur Unmöglichkeit
beeinträchtigt - nur ein furchtloser Charakter vermag sich frei zu
entscheiden -, die Wissenschaft allgemein aber die Bestimmung der Freiheit
des Menschen als vordringliche Aufgabe besitzt. Er behandelt in seinem
hier dargestellten Aufsatz das Angstproblem aus der Sicht des Politologen,
wobei er sich aber auch eingehend auf Autoritäten anderer Fachbereiche
bezieht, u.a. die theorethischen Einsichten Siegmund Freuds, die er als
überzeugend und bis dato noch nicht widerlegt ansieht.
2. entfremdung und angst
Der Mensch ist, im Sinne Schillers, Hegels oder Marx´, ein universelles
Wesen, zur Gänze frei nur in der Selbstbetrachtung in einer vom ihm
geschaffenen Welt. Dieses trifft jedoch in den modernen Gesellschaften
nicht mehr zu - falls es dies überhaupt je tat -, durch die Reduktion
des universellen menschlichen Potentials auf einzelne Prozesse im Arbeitsablauf
und Gesellschaftsleben wird das Individuum sich selbst entfremdet. Eine
Aufsplitterung seiner Umwelt und hierarchische Arbeitsprozesse lassen
den Menschen seine Fähigkeiten selbst nicht mehr als Ganzes verstehen,
sondern diese in Einzelbereiche, z.B. Liebe, Arbeit, Muße, Kultur,
aufteilen, zusammengehalten von einem unverstandenen, von außen
her operierenden Mechanismus. Die ihm entfremdete Arbeit entfremdet dem
Menschen nicht nur die Natur und seine eigene Funktion, sondern die Beziehungen
zu sich selbst und seinen Mitmenschen, welche verdinglicht und versachlicht
werden. Für Marx, Schiller oder Hegel ist daher der Mensch dieser
Gesellschaften ein verstümmelter Mensch.
Neumann hält diese Theorie trotz ihres wichtigen Ansatzes für
ergänzungswürdig. Deren Problem liegt demnach darin, daß
es keine Gegenüberstellung universeller Mensch/verstümmelter
Mensch geben kann, da ein universelles Wesen in keiner historischen Gesellschaftsform
je existierte, es also eine utopische Größe darstellt, mit
der man keine gesellschaftlich faßbare Daseinsform des Menschen
vergleichen kann. Klarer wird dieser Einwand durch eine Differenzierung
der Entfremdung in drei Schichten: die der Psychologie, die der Gesellschaft
und die der Politik. Nur eine zunächst saubere Scheidung und spätere
Zusammenführung dieser drei Schichten ermöglicht eine zufriedenstellende
Behandlung des Problems der Entfremdung und damit der Angst in der Politik.
Denn weder Entfremdung noch Angst sind Phänomene der modernen Gesellschaften,
vielmehr waren sie in jeder staatlichen und gesellschaftlichen Struktur
anzutreffen, von diesen lediglich in ihren Äußerungsformen modifiziert.
Ein wichtiger Punkt in dieser Argumentationsreihe ist die Entfremdung
des Menschen von sich selbst durch einen jeder Gesellschaft innewohnenden
Triebverzicht. Das Erreichen eines totalen Glückszustandes ist dabei
ohnehin schon unmöglich durch Einflüsse der Natur, der Vorahnung
des Todes und auch gesellschaftlicher Institutionen. Daß diese somit
repressiv wirkenden sozial-politischen Institutionen nicht zur Kulturfeindlichkeit
führen, wird begründet durch unentrinnbare Konflikte im Menschen,
hervorgerufen durch eben jene Beschränkungen der libidinösen
und zerstörerischen Triebe. Es ist, nach Freud, daher nicht leicht
zu verstehen, wie es also möglich gemacht werden kann, einem Trieb
die Befriedigung zu entziehen. Wird dieser Verzicht nicht ökonomisch
kompensiert, kann es zu ernsten Störungen im Individuum kommen. Nun
gibt es auch hier keine ideale, alles befriedigende Gesellschaftsform,
der Triebverzicht ist in allen Stufen einer Gesellschaft zu finden und
wird als psychologische Entfremdung des Menschen, besser noch als Entfremdung
des Ich von der Dynamik der Triebe bezeichnet.
Wo aber ist nun der logische Zusammenhang zwischen den Formen der Entfremdung
und der Angst herzustellen? Problematisch ist dabei, daß eine Angst
als solche noch nicht fest genug definiert ist, um klare Vergleiche und
Bezüge zu anderen Begriffen machen zu können. Aus den zahlreichen
Theorien dazu, z.B. Freuds Analyse der Angst als Repression libidinöser
Impulse oder Ranks Geburtstraumatheorie, kann man wohl zwei Angsttypen
deutlich voneinander unterscheiden: die Realangst als Reaktion auf konkrete,
äußere Gefahrensituationen, und die neurotische, vom Ich produzierte
Angst zur präventiven Vermeidung auch der entferntesten Drohung einer
nicht zwingend unrealen Gefahr. Die Differenzierung dieser beiden Angstformen
ist für das politische Verständnis der Bedeutung der Angst sehr
wichtig. Die neurotische Angst resultiert dabei häufig aus der psychologischen
Entfremdung, dem immerwährenden Kampf des Ich, der triebhemmenden
Ratio, gegen das Es, die Struktur der Triebe. Triebverzicht bedeutet Schuldgefühle,
Selbstrepression, Bedürfnis nach Selbststrafe, die innere Angst wird
zu einem Dauerzustand. Trifft sie dabei auf äußere Gefahren
und damit verbundene Realängste, können sich beide Angstformen
summieren und in depressive oder Verfolgungs-Ängste ausarten.
Dabei muß Angst nicht unbedingt destruktiv wirken, den Menschen
lähmen oder zu panischer Angst ausarten und freie Entscheidungen
unmöglich machen. Sie kann ebenso eine heilsame, protektive Rolle
spielen, die dem Menschen erlaubt, kommende Gefahren wahrzunehmen und
abzuwenden. Gleichfalls kann sie einen kathartischen (d.h. "die Seele
läuternden") Effekt haben, kann den Menschen innerlich stärken
durch das erfolgreiche Bewältigen einer Gefahr aufgrund eines Überwindens
der eigenen Ängste und ihn somit in zukünftigen Entscheidungsprozessen
freier werden lassen. Diese Unterscheidungen der Angst helfen uns, die
politische Funktion der Angst besser bewerten zu können.
3. angst und identifizierung
Die Analyse des Verhältnisses von Entfremdung und Angst im Bereiche der
Individualpsychologie gestattet aber noch kein Verständnis über die
politische Bedeutung dieser Phänomene: Warum z.B. verschreiben sich Massen
Führern und folgen ihnen blindlings? Worauf beruht die attraktive Kraft
von Führern und Massen? Wie sieht das Geschichtsbild derer aus, die Führer
akzeptieren?
Im Mittelpunkt des massenpsychologischen Analyse steht die Frage nach dem
Wesen der Identifikation von Masse und Führer, ohne welche das Problem
der Integrierung oder Kollektivierung der einzelnen in einer Masse nicht verstanden
werden kann. Dabei muß man behutsam darauf bedacht sein, die aufgrund
der Erfahrungen dieses Jahrhunderts unweigerlich aufgetretenen Vorurteile
der Masse gegenüber in den Hintergrund rücken zu lassen. Die communis
opinio sieht die Masse als Pöbel, zu allem bereite Menschengruppen, in
denen der einzelne zum Barbaren degradiert, zum Triebwesen. Nur ist das zwar
eine adäquate Beschreibung der sozialpsychologischen Zustände, jedoch
keine brauchbare theoretische Analyse des Warums.
Die Basis, die eine Masse zusammenhält, ist dabei eine Summe zielgehemmter
Triebe. Die gerade in Angstsituationen starke Identifizierung der Masse
mit einem Führer beruht auf einer intensiven Bindung beider Teile
aufgrund gleicher Hemmnisse der Libido. Damit ist der logische Zusammenhang
zwischen Entfremdung und Massenverhalten hergestellt. Bei der Massenidentifikation
mit einem Führer handelt es sich dabei um eine Entfremdung, die einen
zweifachen Rückfall des Menschen darstellt: einmal stellt sie eine
historische Regression dar, indem der Vorgang der progressiven Individualisierung
rückgängig gemacht wird, zum anderen ist sie eine psychische
Regression durch eine Beschädigung oder gar einen Verlust des eigenen
Ich in der Masse.
Da dies aber nur für eine libido-besetzte, affektive Identifizierung
eines einzelnen in einer Masse mit einem Führer gilt, nicht unbedingt
aber - vielleicht gar nicht - für "Liebende", kleine Menschengruppen
oder Organisationen (Kirche, Armee), muß man deshalb Unterscheidungen
machen. Es gibt beispielsweise affektlose Identifizierungen, bei denen
Zwang oder gemeinsame materielle Interessen eine große Rolle spielen,
entweder in bürokratisch-hierarchischer oder kooperativer Form.
So kann man allgemein behaupten, daß die libido-besetzte (affektive)
Identifizierung mit einem Führer regressiver ist als die libido-freie
(affektlose) mit einer Organisation, die durch rationalistische Elemente
und berechenbare Momente eine Auslöschung des Ich verhindert. Aber
auch noch innerhalb der affektiven Identifikation kann man differenzieren
zwischen einem kooperativen und einem caesaristischen Typus. Die kooperative
Weise sieht einen - in der Geschichte meist kurzen - Zusammenschluß
vieler Gleicher zu einem oftmals nur kleinen Kollektiv-Ich vor, in dem
die einzelnen Ich aufgehen können und an Produktivität und Substanz
gewinnen. Häufiger vertreten, und für uns daher von entscheidender
Bedeutung, ist aber der caesaristische Typus, die affektive Identifizierung
von Massen mit Führern.
4. caesaristische identifizierung und falsche konkretheit:
die verschwörertheorie in der geschichte
Caesaristische Identifizierungen spielen in der Geschichte häufig
dann eine Rolle, wenn die Situation von Massen objektiv gefährdet ist,
sie unfähig sind, historische Prozesse zu verstehen und dadurch die entstehenden
Ängste geschickt zu neurotischen Ängsten manipuliert werden können. Indes,
nicht jede Gefahrensituation muß dies zur Folge haben, nicht jede Massenbewegung
auf Angst beruhen und caesaristisch sein. Wie sind also die historischen Bedingungen,
unter denen eine regressive Massenbewegung unter einem Führer versucht,
politische Macht zu erringen?
Zunächst muß man dabei auf ein Indiz hinweisen, daß uns erlaubt,
den regressiven Charakter einer solchen Massenbewegung frühzeitig zu diagnostizieren.
Überall da, wo in der Politik affektive Führer - Identifizierungen (d.h.
also caesaristische) vorkommen, besitzen Masse und Führer ein ganz konkretes
Geschichtsbild: Das Unglück der Masse resultiert ausschließlich aus
einer Verschwörung bestimmter Personen oder Gruppen gegen das Volk. (Als
Beispiel sei hier nur die angebliche, von den Nationalsozialisten propagierte
"Konspiration des Weltjudentums" gegen das Deutschland der 20er und
30er Jahre genannt.)
Dieses Geschichtsbild ist zwar eine falsche Konkretheit, besitzt aber
immer ein Körnchen Wahrheit, und sei dieses auch noch so klein. Anders
könnte es nicht überzeugend wirken. Die Bewegung ist dabei umso
regressiver, je falscher das Geschichtsbild dargestellt wird. Die "teuflischen
Verschwörer", die Feinde, in der Analyse lediglich als Sündenböcke
darzustellen, ist dabei eine eklatante Mißachtung der Tatsachen.
Die Gegner stehen für die Massen als echte Feinde da, die es aufzuspüren
und zu vernichten gilt. Mit diesem Geschichtsbild soll die Realangst,
beruhend auf Krieg, Not, Anarchie etc., in neurotische Angst verwandelt
und durch totale Identifikation mit dem Führer - also völligem
Ich-Verlust - überwunden werden. Das dabei die Interessen des Führers
nicht notwendig denen der Massen entsprechen müssen, muß hier
wohl nicht betont werden. Ein Zusammenhang zwischen diesem Geschichtsbild
und dem Caesarismus kann man anhand historischer Beispiele erkennen, wie
das Vorgehen Cola di Rienzos im Rom der ersten Hälfte des 14.Jh.
oder die Handlungen der wesentlich an den acht französischen Religionskriegen
des 16.Jh. beteiligten Parteien (Hugenotten, Katholiken und Politiques).
In der historischen Analyse lassen sich dahingehend fünf Grundtypen
von Verschwörungstheorien herauskristallisieren, die sämtlich
folgende Reihenfolge zeigen: Intensivierung der Angst durch Manipulation,
Identifizierung und falsche Konkretheit. Es handelt sich dabei um die
Jesuiten-, Freimaurer-, Kommunisten-, Kapitalisten- und Juden-"Verschwörung".
Die Vorwürfe an diese Gruppen und Vorgehensweisen der Gegner liefen
immer nach o.g. Schema ab, d.h. Ausnutzung der potentiellen Ängste der
Massen um Familie, Eigentum, Moral oder Religion und damit Beschwörung
einer totalitären Massenbewegung durch Hinweise auf die Verschwörergruppe
unter Vorgabe falscher geschichtlichen Konkretheiten. Als besonderes Beispiel
wegen seines ungeheuren politischen Einflusses behandelt Neumann diesbezüglich
die Theorie der Weltverschwörung der Juden gemäß den 1897
formulieten Protokollen der Weisen von Zion. Diese proklamieren die Errichtung
einer jüdischen Weltherrschaft durch Gewalt, Korruption, zersetzenden
Liberalismus etc. Daß diese Protokolle eine von zaristischen Russen
erstellte Fälschung sind, hat der Berner Prozeß der Jahre 1934/35
bereits deutlich klargestellt, aber wo liegt dann das dringend benötigte
Körnchen Wahrheit, das den Beschuldigungen in den anderen Grundtypen
der Verschwörungstheorien innewohnte? Hier beschränkt Neumann
seine Analyse auf das Deutschland der NS-Zeit:
Seiner Ansicht nach war das deutsche Volk das am wenigsten antisemitische. Deshalb
konzentrierte sich der Nationalsozialismus auf diesen Punkt als die zentrale
politische Waffe, da sich die relative Unerfahrenheit der Deutschen dieser Zeit
mit Feindbildkonstruktionen und Hetzkampagnen solch außergewöhnlicher
Art leicht nutzbar zu machen schien. Dabei ist das Wahrheitselement zunächst
religiöser Natur: die Blutschuld der Juden durch die Kreuzigung Christi.
So bildet eine historisch-religiöse Diffamierung der Juden eine Basis,
ohne die der Antisemitismus nicht ausgelöst werden kann. Die Existenz eines
schließlich totalen Antisemitismus kann aber nur unter Betrachtung der
NS-Politik und seiner Einordnung in das politische System verstanden werden.

Das
Deutschland der Jahre 1930-1933 ist ein Land großer Entfremdung und Angst,
die Niederlage 1918, Inflation, Arbeitslosigkeit, Ablehnung des politischen
Systems etc. sind Symptome moralischer, sozialer und politischer Heimatlosigkeit.
Diese Ängste schürte und stimulierte das NS-Regime, und es ließ sie
mit seiner Politik des Terrors und Antisemitismus´ beinahe zu neurotischen Ängsten
werden. Um dieses vielfach gespaltenen Volk nun seinen Zielen vollends nutzbar
zu machen und es in den eigenen Meinungsbereich zu integrieren, brauchte es
aber ein Mittel des Zusammenschweißens. Was lag näher als das Propagieren
eines Feindes? Der Bolschewismus war zu stark, und die katholische Kirche wurde
politisch gebraucht. Es blieben also die Juden, Fremde im eigenen Land, trotz
ihrer objektiven Schwäche subjektiv als mächtig empfunden und als
erfolgreiche Konkurrenten in den wesentlichen - kapitalistischen und kulturellen
- Bereichen dargestellt. Damit hatte die These der jüdischen Weltverschwörung
ihr Wahrheitselement gefunden, um das Geschichtsbild einer falschen Konkretheit
zu unterwerfen. Es ist dabei zwar mit den Tatsachen nicht übereinstimmend,
verschiedenen gesellschaftlichen Schichten eine größere Immunität
gegenüber Antisemitismus zu bescheinigen als anderen, aber ein Zusammenhang
zwischen sozialem Abstieg und Antisemitismus besteht durchaus. Die Furcht vor
sozialer Degradation schafft sich so "ein Ventil des Ressentiments, das
aus verletzter Selbstachtung entsteht."
5. kollektive angstsituation, identifizierung, schuld
Was sind also die historischen Situationen, in denen Angst als typisches
Phänomen Massen ergreift? Bei der Unterscheidung der Schichten der
Entfremdung wurde oben schon auf die psychologische Entfremdung eingegangen.
Diese bleibt, ganz gleich, in welcher Gesellschaft sich der Mensch bewegt,
und kreiert die potentielle Angst, die durch Ich-Aufgabe in der Masse
zu überwinden versucht wird. Dabei wird die affektive Bindung an
einen Führer erleichtert durch das Geschichtsbild einer falschen
Konkretheit, einer Verschwörungstheorie. Aber wann können solche
regressiven Massenbewegungen, ergo die potentiellen Ängste, so aktiviert
werden, daß sie zu einem Spielball in der Hand der Führer werden?
Dazu müssen die anderen Bereiche erläutert werden:
Sozialangst entsteht aus einer Entfremdung von der Arbeit durch eine Trennung
vom Arbeitsprodukt. Wird dieser unvermeidliche Prozeß nicht verstanden
und akzeptiert, entsteht der Versuch, anstatt einer Beschränkung
der Arbeit auf ein Minimum selbige zu "beseelen" und wieder
zu vermenschlichen. Es bilden sich nostalgische Ideologien heraus, und
die Vertreter dieser Gesellschaftsschichten (z.B. des "Neuen Mittelstandes")
sind besonders anfällig für einen Caesarismus. Darüber
hinaus erzeugt der stete gesellschaftliche Wettbewerb, sein destruktiver
Charakter aufgrund der Offenbarung ständiger Konkurrenz und Abhängigkeitsverhältnisse,
große soziale Ängste. Die ständige Furcht vor Krisen, Degradation
und somit sozialökonomischer Not kann ebensolche Massenbewegungen
produzieren wie religiöse oder Rassen-Konflikte.
Die soziale Entfremdung ist aber allein nicht ausreichend, sie muß
im Zusammenhang mit der politischen Entfremdung gesehen werden. Den Kern
dieser Entfremdung bildet eine Form der politischen Apathie: Die Erkenntnis,
in einem politisch monopolisierten, starren und ohne Massenbeteiligung
agierenden Staatswesen ohne Durchsetzungsmöglichkeit für neue
Parteien zu leben. Operiert diese Apathie innnerhalb sozialer Entfremdung,
führt sie zur teilweisen Paralysierung des Staates und öffnet,
alle Spielregeln verachtend, Wege für caesaristische Bewegungen.
Eine solche Bewegung muß aber nach der Machtergreifung schnell handeln
und die aktivierten Ängste institutionalisieren, denn ihre affektive Basis
ist sehr labil. Die Angst dient also nach dem Machterhalt als Mittel zur
Erhaltung der Herrschaft mit Techniken wie Propaganda, Sanktionen und
Terror.
Zwar basiert jedes politische System - nach Neumann - auf Angst, aber
zwischen den Formen der Angst herrscht ein deutlicher Qualitätsunterschied.
Man kann wohl sagen, daß das total repressive System depressive
und Verfolgungs-Angst, die halbwegs freiheitliche Ordnung aber Realangst
institutionalisiert. Daß es sich dabei um verschiedene Tabestände
handelt, wird ersichtlich, wenn man einen Zusammenhang zwischen Angst
und Schuld sieht: Es bestehen Angst und ein unbewußtes Schuldgefühl
nebeneinander. Ein Führer muß durch das Erzeugen von neurotischen
Ängsten die Geführten so eng an sich binden, daß sie ohne ihn
nicht mehr bestehen könnten. Deshalb befiehlt er das Begehen von
Verbrechen, die aber nach der herrschenden Moral keine Schandtaten, sondern
legitime Handlungen darstellen. Das Gewissen des Menschen, das Über-Ich,
protestiert jedoch gegen diese falsche Moralität, denn die alten
Moralanschauungen können nicht so ohne weiteres vergessen werden.
Also muß das Schuldgefühl verdrängt werden und macht die
Angst beinahe zu einer panischen, den Menschen immer mehr an seinen Führer
als feste Größe fesselnden. Eine solche Angst ist nur einem
total repressiven Staatswesen innewohnend und unterscheidet sich deshalb
qualitativ grundlegend von jedem anderen politischen System.
6. zusammenfassung
[Zitat: Anfang]
1. Die psychologische Entfremdung - und die Entfremdung des Ich von der
Struktur der Triebe , das heißt der Triebverzicht - ist jeder geschichtlichen
Gesellschaft eigen. Sie wächst mit der modernen Industriegesellschaft
und produziert Angst. Diese kann protektiv, destruktiv oder kathartisch
sein.
2. Neurotische Verfolgungsangst kann zu Ich-Aufgabe in der Masse durch
affektive Identifizierung mit einem Führer führen. Diese caesaristische
Identifizierung ist immer regressiv, historisch wie psychologisch.
3. Ein wichtiges Indiz für den regressiven Charakter ist das Geschichtsbild
der falschen Konkretheit - die Verschwörungstheorie. Ihre besondere
Gefährlichkeit liegt in dem Körnchen Wahrheit, das in dem Geschichtsbild
enthalten ist.
4. Die Steigerung von Angst zur Verfolgungsangst gelingt dann, wenn eine
Gruppe - Klasse, Religion, Rasse - von Statusverlust bedroht ist, ohne
den Prozeß zu verstehen, der ihrer Degradation zugrunde liegt.
5. In aller Regel führt dies zur politischen Entfremdung, das heißt
zur bewußten Ablehnung der Spielregeln eines politischen Systems.
6. Die regressive Massenbewegung, zur Macht gekommen, muß, um die
Führeridentifizierung aufrechtzuerhalten, die Angst institutionalisieren.
Die drei Methoden sind: der Terror, die Propaganda und, für die Anhänger
des Führers, das gemeinsam begangene Verbrechen.
[Zitat: Ende]
Was kann man jedoch tun, um zu verhindern, daß eine Angst zu einer neurotisch-destruktiven
Form mutieren kann? Der Staat kann dies nicht leisten, denn er entstammt selbst
seinen eigenen Mißständen und müßte erst auf einer - nicht
existenten - vernunftgerichteten Menschheit auf Basis z.B. des kategorischen
Imperativs gegründet werden, um diese bessere Menschheit begründen
zu können. Ähnlich sieht es mit den Erziehern aus: Wie kann eine theoretische
Kultur eine praktische herbeiführen, wenn sie doch vorher die praktische
als Bedingung braucht? Wie kann sich ein edler Menschheitsgeist zur Verbesserung
des Politischen herausbilden, wenn er unter den Einflüssen einer barbarischen
Staatsverfassung steht?
Die Ideallösungen sind für die Allgemeinheit utopisch, die Abtrennung
des Künstlers oder der "Liebenden" von der Angst sind vielleicht
individuelle Lösungen, können unser Problem aber nicht befriedigen.
Es bleibt also für den Universitäts- und Staatsbürger nur die
erzieherische Verantwortung der Bekämpfung der Ängste und Verteidigung
der Freiheit. Die Durchdringung der Wissenschaft mit den Problemen der Politik
und Stellungnahmen zu politischen Fragen sind ein stets zu verfolgendes Ziel.
Mit öffentlichem Auftreten, mit reden und schreiben muß eine Humanisierung
der Politik vorangetrieben, eine Chance für Demagogen mit allen Mitteln
verhindert werden.
(Winter 1998)
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