anmerkungen zu einer guten zeit
Auf der Treppe vor einer Frankfurter Sporthalle. Zwei sich mittlerweile
von diversen Lehrgänge und Turnieren gut kennende Kopfklopfer sitzen nebeneinander.
Eine Kunststofftüte raschelt.
"Klaus, hast´n da?"
"Haribo Lakritzmischung. Willste?"
"Yep."
20 Sekunden später, die Tüte ging inzwischen vom Besitzer zum Fragenden
und wieder zurück.
"Man, du alter (zensiert), du hast ja fast alle guten Sachen rausgefischt!"
"Debana-Bestesachenweg. Lernst du auch noch irgendwann."
Szenenwechsel.
Ein alter Fischerkahn. An Bord sitzen drei sehr verschiedene Menschen,
die sich hier nur aus einem bestimmten, sie alle zusammenschweißenden
Grund zusammengefunden haben. Denn ein großer weißer Fisch schwimmt da
draußen und will bewältigt werden. Sie unterhalten sich abwartend über
ihre vergangenen Erlebnisse. Ok, ersetzt man folgende dieser wohlbekannten
Variablen durch andere, namentlich Fischerkahn = Umkleidekabine, Fisch
= Kendo, Agonisten = Sengo, Öli, Jan, dann ändern sich zwar die Umstände,
nicht jedoch die Atmosphäre.
Öli: "Habe bald meine x-te Operation am Knie, was mich erstmal wieder
monatelang zum Pausieren zwingt."
Sengo: "Ist bitter. Meine zweite Kreuzbandoperation hat mich lange
Zeit intensiv in die Reha verbannt. Joggen ist da richtig scheiße, besonders,
wenn du es zu früh machst. Kauf dir lieber eine Schwimmbadkarte und ab
ins Wasser, das ist immer noch das beste. Und fahrradfahren."
Öli: "Das andere macht mir auch etwas Sorgen, teilweise merke ich
da ebenfalls einiges. Bei wem hast du dich operieren lassen?"
Sengo: "Prof. XYZ in München. Aber paß bei der Beratung auf. Erst
wollten sie mir neue Schnitte machen, aber wie soll denn das aussehen?
Also haben sie die gleichen Narben wieder geöffnet und die Schnitte etwas
verlängert, so ging es auch. Aber diese 4-6 Stunden Reha täglich waren
übel."
Undsoweiterundsofort.
Jan schaut an sich runter und kann außer einigen blauen Flecken und Blasen
nichts Bedeutendes in seiner Kendokarriere vorweisen, was zwar an sich
ein großes Glück ist, aber in solchen Momenten wieder einmal den weiten,
weiten Weg mit all seinen Steinen und Facetten vor Augen führt.
Szenenwechsel.
Sonntag, 5.00 morgens, Paramount Park. Ich starre sehr zufrieden auf
die leere Gatorade in meiner Hand. Neben mir sitzt mein guter Kumpel Öli
und hängt seinen Gedanken nach. Beide haben wir gerade 3 1/2 Stunden wildes
Raven hinter uns und mußten ständig mit fiesen Bewegungen und Urschreien
den kleinen Teenies zeigen, daß der weiträumige Platz um uns herum auf
der Hopptribüne durchaus seine Legitimation hatte. Mir geht es gerade
verdammt gut, und ich reflektiere die Ereignisse des Tages, um den Grund
dafür näher zu erforschen. War es der Abend, das fiese Trance-Brett und
die geballte erotische Sommerladung an Frauen inkl. Dekolletés? Auch,
aber nicht hauptsächlich. Vielleicht der Gedanke an die nächste Woche
mitsamt den geplanten Aktivitäten? Naja, kann sein.
Aber eigentlich war der Grund der, daß ich auf einem Turnier war. Auf
einem besonderen Turnier, nicht wegen seiner funktionellen Einzigartigkeit
als Turnier, sondern wegen seiner Atmosphäre und Stimmung. Einem Turnier,
auf dem man sich wie bei einem Familientreffen zusammenfand, alte und
neue Freunde begrüßen konnte, in herzlicher Ausgelassenheit miteinander
kämpfte und um die manchmal einfach nicht zustandekommenden Ippons rang.
Einem Turnier, bei dem sich oben beschriebene Szenen abspielten und man
nicht frustriert über zahlreiche Mißstände wieder nach Hause zurückkehrte
mit der Frage nach dem Zweck dieser Fahrt.
Ich spreche hier vom Tengu-Cup 99, und er war die lange Reise in jeder
Hinsicht wirklich wert.
Nicht, daß man das jetzt falsch versteht. Die Kontrahenten haben sich
wahrlich nichts geschenkt, und man hatte die (leider nicht bei jedem Turnier
gegebene) angenehme Möglichkeit, gutes, kämpferisches und hochmotiviertes
Kendo mit spannenden Einzel- und Mannschaftskämpfen zu sehen. Dabei sind
die Finalkämpfe besonders hervorzuheben, die speziell bei dem Mannschaftsturnier
bis zur letzten Sekunde packend waren. Aber es fehlten diese einem doch
des öfteren begegnenden störenden Vorfälle, angefangen bei schlechter
Organisation bis hin zu unfairen, fast schon grobschlächtig-brutalen Kämpfen
und für Kendoka unwürdigen Verhaltensweisen. Kurz, es fehlte die Dunkle
Seite des Kendo.
Die Frankfurter unter ihrem aufgrund modernster eingesetzter Technik stets
Herr der Planung seienden Chef Uwe Kumpf hatten alles souverän im Griff,
und bis auf eine ständig überforderte Kuchenthekenkraft, die sich neben
unschuldig-fassungslosem Kopfschütteln vor allem durch eine spontane 100%
Kuchenpreiserhöhung innerhalb von zwei Minuten auszeichnete, lief alle
sehr glatt. (Die Preiserhöhung erfolgte in einer derartigen Geschwindigkeit,
daß Chicken und ich zwischen dem Öffnen des Portemonnaie in freudiger
Erwartung und dem Bezahlen feststellen mußten, daß wir uns das ersehnte
Stück nicht mehr leisten konnten.) Die Zeitrahmen wurden perfekt eingehalten,
so daß einem als aktiver Kämpfer diese nervigen Wartezeiten zwischen den
neuen Kampfrunden erspart blieben. Darüber hinaus hat man auch Sanitäter
vom ASB für den zum Glück nicht eingetretenen Notfall engagiert und sogar
eine Firma gewinnen können, die am Rande die stets benötigten medizinischen
Utensilien, wie Pflaster, Sportgel, Tape etc., feilbot.
Wie gesagt, war die Organisation vorbildlich, sieht man einmal davon ab,
daß die fiesen Kerle der Dark-Future-Endzeit-Mannschaft "GOTHIC RULES"
(Sengo, Chicken und Uli Hoffmann) durch einen kleinen, organisatorischen
Fehler wesentlich an Fiesigkeit verloren haben, denn vor Leuten, die als
"GOTMIC RULES" herumlaufen, hat nun mal niemand Angst. Hähä.
(Ok, das hat aber leider ihre Leistungen in keiner Art und Weise beeinflußt.)
An dieser Stelle sei aber auch das durchwegs gute Kampfrichtern zu nennen,
denn zusätzlich zu eigenen Erfahrungen hat man auch sonst "im Hinterzimmer"
keine abfälligen Bemerkungen über die Kampfrichter vernehmen können. Nebenbei
hat Öli als Pressereferent natürlich wieder zahlreiche Interviews gegeben,
denn die Öffentlichkeit zeigt offensichtlich ein wachsendes Interesse
am Kendo - nicht zuletzt hervorgerufen durch die vorbildlich unermüdlichen
Aktivitäten der Frankfurter in diesem Bereich (Sonntag nach den Prüfungen
mußten Uwe, Öli, Norman und andere schon wieder zu einer öffentlichen
Vorführung). Deshalb war es dann auch erfreulich zu sehen, daß sich dank
normannischer Aktivitäten sogar einige Sponsoren gefunden hatten, die
persönlich oder mit Werbebannern das Turnier bereicherten. Andererseits
kann man natürlich auch darüber Spekulationen anstellen, wie denn diese
normannischen Methoden ausgesehen haben mögen, denn die Sponsoren der
Normannen im Mittelalter wurden oftmals nicht gerade argumentativ überzeugt.
Naja, begegnen wir diesen Fragen mit dem natürlichen Verhalten des heutigen
homo politicus - ignorieren wir sie schlicht.
aber jetzt noch einige fakten zum turnier
Von den angemeldeten 76 haben immerhin 68 Kämpfer am Tengu teilgenommen,
von denen 29 Dan-Träger waren. Beim Mannschaftsturnier kamen dadurch 20
Mannschaften zustande, von den bereits erwähnten GOTHIC RULES über AQUASTAR
bis hin zu den Frankfurter LANGNASEN und den Mainzer WÖLFEN. Zuerst wurden
die Kyu-Kämpfe ausgekämpft, es folgten dann unmittelbar die Dane und Mannschaften.
Die Sieger der einzelnen Sparten hießen dabei wie folgt:
Kyu:
1. Andreas Hennemann (Kendo Dojo Köln)
2. Sebastian Kautz (Katana Frankfurt)
3. Udo Trenz (SG Schmelz) / Markus Spengler (PSV Mainz)
Dan:
1. Jörg Sengfelder (TSV München)
2. Richard Bonert (Katana Frankfurt)
3. Andreas Wingartz (BSV Dortmund) / Murata (PSV Mainz)
Mannschaften:
1. Frankfurter Langnasen (Bonert, Becht, Stankovic)
2. Gotmic Rules (Sengfelder, Jaehne, Hoffmann)
3. Sprendlingen (Seidel, Hönig, Oth) / Katana 2 Frankfurt (Kautz,
Gottsleben, Kautz)
Ohne Frage, die Qualität des dargebotenen Kendos war oftmals mehr als
sehenswert. Besondere Erwähnung verdient dabei aber der Finalkampf der
Mannschaften zwischen den Langnasen und den rulenden Gotmicern, wobei
man noch erwähnen muß, daß am Ende alles an eben jenen Opponenten hing,
die sich auch schon im Dan-Finale gegenüberstanden, also Richie und Sengo.
Nachdem der erste Kampf zwischen den Kyus (Stankovic/Hoffmann) ein Hikwake
war, konnte Becht im zweiten Kampf nach langem Ringen gegen Chicken im
Encho punkten und so das Treffen für sich entscheiden. Alles hing jetzt
also an Sengo und Richie, die sich ja nicht ganz unbekannt sind und die
Stärken und Schwächen des anderen jeweils kennen. Als Sengo mit seinem
berüchtigten Kote-Schwinger von unten aus großer Entfernung bei Richie
einen klaren Ippon erzielte, dachte man den Kampf schon für die Gotmicer
entschieden, da die Zeit unweigerlich lief und sich keiner der beiden
eine Blöße geben wollte. Zwischen den Kensens blitze es förmlich. Richie
schaffte es schließlich im letzten Moment noch, Sengo ebenfalls ein eindeutiges
Kote zu schlagen. Daß die Halle tobte, bedarf hier wohl keiner Erwähnung
mehr. Zeit. Hikiwake. Gewinner: Mannschaft weiß, Frankfurter Langnasen.
So sollte Kendo sein.
Am nächsten Morgen war dann nach den Kyu-Prüfungen (von neun Prüflingen
fiel leider einer durch) von 10.30 bis 12.00 freies Keiko angesagt. Öli
und ich hatten aufgrund unseres HyperHyper-Abends natürlich einige Schwierigkeiten,
pünktlich auf der Matte zu stehen, konnten unser schlechtes Gewissen aber
schnell wieder in die Schublade schieben, da wir um 10.40 trotzdem einige
der ersten waren. Ab 11.00 ging dann aber die Post ab, und zusätzlich
zu Uwe Kumpf und Dieter Ott (jetzt 6. Dan - Glückwunsch) stellte sich
u.a. auch der für die Prüfungen angereiste Herr Suzuki aus Rottweil als
Partner zur Verfügung. Leider konnte man als Nicht-Dan-Prüfling wenig
Nutzen daraus ziehen, da natürlich alle Prüfling bei diesen Herren anstanden.
Man brauchte sich jedoch als Kyu überhaupt keine Sorgen zu machen, denn
es gab genug andere, die vom Kopfklopfen wesentlich mehr verstanden als
man selbst und dies auch deutlich machten. Aber mal unter uns... die nettesten
Kämpfe waren dann trotzdem die mit den lange nicht mehr gesehenen Kumpels
aus allen Teilen Deutschlands, bei denen dann jeder Treffer mit einem
hämischen Grinsen oder Spruch einherging.
Um 14.00 stellten sich schließlich 17 Prüflinge der kritischen Prüfungskomission,
bestehend aus Fuhr, Wijngaard, Kumpf, Ott, Suzuki und Seidel als Protokollant.
Von den sechs Prüflingen zum 1. Dan fiel leider einer durch, von den acht
zum 2. Dan deren zwei. Die beiden Prüflingen zum 3. Dan haben bestanden.
Man kann den Durchgefallenen, die bemitleidenswerter Weise dieses schon
vor der Kata erfahren haben und die restliche Zeit auf ihren Plätzen das
Ende der Prüfungen abwarten mußten, nur viel Erfolg beim nächsten Mal
wünschen. Den anderen herzlichen Glückwunsch nachträglich.
Keine Frage, das Tengu 99 war eine gute Zeit, und welches Kompliment an
Organisatoren, Kämpfer und Helfer könnte schöner sein?
(Herbst 1999)
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