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kendo

 
artikel (1999): das kleine abc der kendophilosophie

 

 

erleuchtung inkl.?

Neulich war ich bei meinem Mentor zu Gast, seines Zeichens Professor für Altphilologie und Geschichte des Altertums, ein Mann mit einer ganz außergewöhnlichen humanistischen und philosophischen Bildung, darüber hinaus sehr elegant und reich an Esprit. Nun saß ich also im Sonnenschein auf seiner Terasse bei einer Tasse Tee und lauschte seinen Ausführungen über die Einflüsse der klassischen Philosophen auf den frühneuzeitlichen Humanismus, während er bescheiden seine selbstgezüchteten Rosen zurechtschnitt. Ich stutzte, denn irgendwie schien mir dieses Bild bekannt zu sein, stellte ich mir so doch immer den typischen weisen Sensei in seinem japanischen Garten vor, wie er gerade vor seinen Schülern lehrte. Abschweifend fielen mir plötzlich auch andere Personen aus meinem Umkreis ein, die sehr gut in dieses Bild passen würden. Und eines hatten sie wirklich alle gemeinsam: keiner von ihnen hatte je etwas mit Sport zu tun, geschweige denn mit einer japanischen Kampfsportart wie Kendo. Trotzdem sind sie zu einem Grad von Weisheit gelangt, der mir großen Respekt abverlangt und den zu erreichen mir wahrlich erstrebenswert erscheint.

Doch worauf will ich hier eigentlich hinaus? Ganz einfach: Egal, wohin es mich kendotechnisch führt, überall treffe ich mehr oder weniger viele Leute, die meinen, mir oder anderen beim oder nach dem Training jede Menge (Lebens-)Weisheiten beibringen zu müssen, da man diese ja anscheinend unmittelbar zusammen mit einem Fortschreiten im Kendo von einer höheren Macht eingeflüstert bekommt. Ich spreche hier - natürlich - nicht von den Hintergründen bestimmter kendospezifischer Verhaltensweisen, sondern von das allgemeine Leben und Denken betreffenden Phrasen. Es fängt ja schon damit an, daß Leute mit Kendo beginnen, um die "Philosophie dahinter" zu suchen und zu erfahren. Welche Philosophie oder Lehre, bitte, ist das denn? Buddhismus? Postmoderne? Aufklärung? Oder einfach eine angenehm ausgeprägte Beharrlichkeit bestimmten moralisch-ethischen Werten wie Fairness, Freundlichkeit, Ehrbarkeit, Selbstkritik, Zurückhaltung usw. gegenüber? Wohl doch eher letzteres, und das kann man wohl nicht nur beim Kendo finden. Wie in so vielen Bereichen des Lebens kann sich jede Tätigkeit in mehreren Stufen entwickeln, und im Kendo ist das nicht besser oder schlechter erfahrbar als z.B. beim Sportschießen oder Handwerken. Zwischen dem einfachen Tun, dem Wissen um sein Tun und dem Überdenken und Übertragen dieses Wissens in sein tägliches Leben und auf das Objekt seines Tuns besteht ein großer Unterschied. Und wie in so vielen Bereichen kann man wohl auch im Kendo nur wahre Meisterschaft erlangen, wenn man diese letzte Stufe zu erreichen vermag, also auch die geistige Entwicklung mit der körperlichen einhergeht. Interessanterweise halten sich aber gerade die meisten der diese Stufe erreicht habenden Exponenten mit dem Lehren von Lebensweisheiten deutlich zurück.

Bleibt also die Überlegung, inwiefern eine philosophische Reife beim Kendo mit dem sportlichen Können einhergehen kann und muß. Es gibt technisch hervorragende Kendoka jeder Graduierung, die außerhalb oder auch innerhalb des Dojos wenig von einer "philosophischen" Bildung aufweisen können, denen gegenüber wiederum Kendotreibende stehen, die zwar mit ihrem Können nicht zu überzeugen vermögen, wohl aber mit ihrem Wesen und ihrem Charakter.

Ich frage mich dann immer, wo denn die berühmte Tugendhaftigkeit des Kendo bleibt, wo die "Philosophie", wo die so gefeierten Grundsätze des Budo, wenn diese von manchen teilweise nur im festgeschriebenen Reglement angenommen und verwirklicht werden können oder wollen. Wie soll ich jemanden als einen Sensei, also mehr als einen Mentor denn als Trainer, annehmen, wenn dieser - unter dem Beifall so mancher deutschen Kendogröße - der Ansicht ist, Kendo würde man am besten erfahren, wenn man hyperventilierend, mit blutigen Füßen und sich übergebend in der Umkleidekabine liegt? Und was soll ich davon halten, wenn genau dieser Tatbestand freudig als Durchhaltevermögen und Kampfeswille der nachwachsenden deutschen Kendojugend gefeiert wird?

Fragen über Fragen...
Und ehrlich gesagt: Davon halte ich gar nichts. Und die Philosophie dahinter sehe ich schon überhaupt nicht.

Philosophie ist anerkannt ein sehr schwieriges Gebiet, erfordert viel Zeit, Muße und eine gewisse Fähigkeit, nachzudenken und rückzuschließen. Sie ist, wie Platon schon anmerkte, eine sehr persönliche Angelegenheit und muß individuell erfahren und herausgeformt werden, bevor man sich im kantschen Sinne im Diskurs anderen offenbart und die eigenen Erkenntnisse zur Disposition stellt ("Weisheit und Tugend sind nur dort wirklich möglich, wo es eine Beziehung gibt zwischen Mensch und Mensch."). Platon läßt Sokrates trotz dessen unbestreitbaren Einflusses in seinem Prozeß behaupten (Apologie 33 A), er sei nie irgendjemandes Lehrer gewesen; die Erkenntnis seiner selbst und des eigenen Wesens durch eine dialektisch analytische Methodik, die alternative Hypothesen und Erklärungen zur Ergebnisfindung gegeneinander abwägt, ist daher für den Menschen das wahre Ziel alles Wissens und deshalb des Lebens, denn "ein Leben ohne Selbsterforschung ist nicht wert, gelebt zu werden" (Apologie 38 A). Philosophische Einsichten, und damit einhergehend eine Veränderung des eigenen Lebens und Denkens, kann man dabei auf vielerlei Arten erlangen, sei es durch das Studium des Buddhismus, des Neuen Testaments, der Philosophie oder anderer Quellen. Diese Einsichten erschließen sich einem nicht automatisch durch regelmäßiges Kendotraining oder das zehnte Anschauen der "Sieben Samurai" oder das Auswendiglernen der "Fünf Ringe", sondern durch kontinuierliches Lesen, Nachdenken, Analysieren und Umsetzen verschiedenster Lektüren, Erlebnisse und Hinweise. (Mir persönlich haben die kleinen Bände "Lektüre für Minuten" von Hermann Hesse mehr Einsichten und Denkanstöße gegeben als die ca. 20 Zen-/Samurai-/Budo-Bücher, die ich bisher gelesen habe.)

Jeder muß zur Philosophie seinen eigenen Zugang finden und braucht Hinweise zu Lektüre und Verständnis, weniger als Tatsachen festgeschriebene Meinungen. Wie gesagt, geschieht das alles individuell und sollte stets zur Diskussion stehen, um im gemeinsamen Gespräch wie im gemeinsamen Training voneinander lernen zu können und voranzuschreiten. Aber Philosophie muß nicht unbedingt - und schon gar nicht automatisch - etwas mit dem Ausüben von Kendo zu tun haben, denn das eigentlich kriegerische, tiefergehende, ist unserer Gesellschaft als solches nicht immanent und kann aufgrund der nicht mehr unmittelbar erfahrbaren Todesnähe - einem wichtigen Bestandteil der Budo-Lehre - wenn überhaupt nur schwer vermittelt werden. Wer wird denn im Ernst behaupten, irgendeinen Weg des Kriegers zu gehen, wobei noch niemand von uns der unmittelbaren Gefahr des Schlachten- oder Kampfestodes gegenüberstand und diese direkt erfahren und umsetzen konnte? Natürlich kann Kendo als ein unbestreitbar guter Katalysator in der Erfahrung und Umsetzung bestimmter Einsichten wirken, aber ich sehe die sog. Philosophie des Kendo für mich inzwischen als weitgehend von speziellen philosophischen Richtungen losgelöst.

Für den Japaner ist das natürlich aufgrund seines kulturellen Hintergrundes anders, er verbindet im Budo Körper und Geist untrennbar miteinander und bezieht viele Lehren daraus auf sein tägliches Leben, aber ich bin kein Japaner, entstamme einer anderen Kultur und behaupte, nein, ich weiß, daß es sehr weise und charakterlich große Menschen unter uns gibt, die körperlich schwach sind, während man viele ganz hervorragende Sportler - auch Kendoka - sieht, die diese Eigenschaften nicht gerade überzeugend zutage tragen. Philosophie beim und durch Kendo ist also nichts anderes als die immer wieder hervortretenden, auf vielerlei Arten erfahrbaren Grundsätze der Philosophie, Moral und Ethik überhaupt. Warum sollte also ein bestimmter Grad im Kendo automatisch dazu legitimieren, anderen neben Kendo Lebensgrundsätze oktroyieren zu dürfen? Tut er natürlich auch nicht, aber viele Schüler sehen das anscheinend so und glauben blind daran. Niemand würde in Deutschland auf die Idee kommen, vor seinem Professor für dessen Lehren und Anmerkungen auf die Knie zu fallen und sich wiederholt demütig zu verbeugen. Der Dank wird in Form großen Respektes und großer Dankbarkeit gezollt, und das auch verdient. Und diese Kombination aus Respekt und Dankbarkeit steht auch einem guten Kendolehrer in gleichem Maße zu, nur warum muß diese so oft in anbiedernde Demut ausarten? Ist das ein Teil der Kendophilosophie, sich selbst für geringer als andere zu erachten, die aufgrund eines jahrzehntelangen, täglichen Trainings naturgemäß doch so ein kleines bißchen besser sind als man selbst? Natürlich drückt man im Kendo seine Dankbarkeit durch eine Verbeugung aus, und daran ist ja auch nicht das geringste auszusetzen, aber Verbeugung ist nicht gleich Verbeugung, der Grat zwischen Respekt und Demut ist dabei nur sehr schmal.

Keine Diskussion, was mir ein Sensei zu Techniken etc. sagt, wird im Dojo nicht in Frage gestellt, aber auch ich habe einen Kopf zum Denken und nehme mir das Recht heraus, die Worte dieses Senseis nicht für absolut zu nehmen, sondern sie zu vergleichen und zu hinterfragen, bevor ich sie anzunehmen bereit bin. Ich bin Europäer und frei denkender Mensch im Sinne Spinozas und halte wenig vom "Glauben und Machen, ohne darüber nachzusinnen". Nicht im Dojo, aber zu Hause oder im Gespräch mit anderen. Und wenn ein japanischer Sensei von 1,65 m Länge mir bestimmte, natürlich wohlgemeinte Tips gibt, die ich mit 1,95 und 60 kg mehr nun einmal nicht umsetzen kann (Zitat: "Kleine Trippelschritte..."), muß ich also einen anderen Weg suchen, um meine Fehler zu bekämpfen. Das schöne an den Ergebnissen des Nachsinnens und Ausprobierens ist dann, und das wird mir hoffentlich jeder bestätigen können, daß diese sich schließlich auch wieder im eigenen Kendo zeigen, indem man einen Fortschritt im sportlichen Verhalten durch eine Reifung des eigenen Wesens und neue, eigene Erkenntnisse feststellen kann.

Ich denke, Kendo ist zuerst einmal Sport, sonst nichts. Zu Kendo im eigentlichen, von allen propagierten Sinne wird es erst durch die Entwicklung des Geistes. Und diese kann auf verschiedenste Art und Weise stattfinden und ist unabhängig von japanischer Religion und Kultur, da sie allein auf den Grundsätzen des zivilisierten und kultivierten menschlichen Zusammenlebens und Denkens beruht.

Wie sieht es nun also mit der versprochenen Erleuchtung aus?
Weisheit A: Im Dojo sagt der Chef, wo es langgeht.
Weisheit B: Kendo selbst lernt man nicht durch Quatschen, sondern durch hartes Training.
Weisheit C: Wirst Du getroffen, warst Du zu langsam.
Weisheit D: Hast Du gewonnen, denk darüber nach.
Weisheit E: Hast Du verloren, denk darüber nach.
Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?

P.S.: Mit großem Interesse habe ich den Artikel "NRW Troika" von Jörg Goebeler in der Ausgabe 21 verfolgt, bestätigt doch das Geschilderte meine Thesen, Kendo als solches mache keine besseren, charakterlich größeren Menschen. Den Inhalt brauche ich hier gar nicht wiederzugeben, geht es mir doch nur darum, daß auch unter uns erschreckend wenigen Kendoka in Deutschland (Woran das wohl liegen mag???) so manches faul ist und Vereinsmeierei, Betrug, Opportunismus und das Streben nach Machtpositionen allerorten anzufinden sind. Und machen wir uns mal nichts vor... in Japan wird das nicht anders aussehen, man bekommt nur weniger davon mit. Wahrlich schlimm finde ich am ganzen Artikel allerdings einen Satz, der einen Demokraten sehr nachdenklich machen sollte: "[...] am liebsten diesen Artikel als nicht geschrieben sehen würde." Also ein klassischer Vertuschungsversuch. Ich kann mir gut vorstellen, in welch schwierige Lage Jörg durch seine kritische Offenheit geraten ist, steht er doch wohl nicht nur in seinem Umfeld als "Verräter" da, sondern auch als illoyales Mitglied der Kendogemeinschaft überhaupt. Daß Kendoka nicht nur gute Ritter und wahre Charaktermenschen sein müssen, beweist neben dem Willen zur Vertuschung des ganzen auch der Druck, der jetzt auf Jörg liegen mag. Ich hoffe, er sieht über dieses niedere und undemokratische Verhalten hinweg und bleibt sich treu.

Und zum Abschluß noch eine kleine Anmerkung: Pressefreiheit ist im Grundgesetz verankert, das, wenn ich mich nicht ganz irren sollte, auch für die deutsche Kendogemeinde gilt.

(Spätherbst 1999. Entstanden in Zusammenarbeit mit Jens Siebert.)