erleuchtung inkl.?
Neulich war ich bei meinem Mentor zu Gast, seines Zeichens Professor
für Altphilologie und Geschichte des Altertums, ein Mann mit einer
ganz außergewöhnlichen humanistischen und philosophischen
Bildung, darüber hinaus sehr elegant und reich an Esprit. Nun saß
ich also im Sonnenschein auf seiner Terasse bei einer Tasse Tee und
lauschte seinen Ausführungen über die Einflüsse der klassischen
Philosophen auf den frühneuzeitlichen Humanismus, während
er bescheiden seine selbstgezüchteten Rosen zurechtschnitt. Ich
stutzte, denn irgendwie schien mir dieses Bild bekannt zu sein, stellte
ich mir so doch immer den typischen weisen Sensei in seinem japanischen
Garten vor, wie er gerade vor seinen Schülern lehrte. Abschweifend
fielen mir plötzlich auch andere Personen aus meinem Umkreis ein,
die sehr gut in dieses Bild passen würden. Und eines hatten sie
wirklich alle gemeinsam: keiner von ihnen hatte je etwas mit Sport zu
tun, geschweige denn mit einer japanischen Kampfsportart wie Kendo.
Trotzdem sind sie zu einem Grad von Weisheit gelangt, der mir großen
Respekt abverlangt und den zu erreichen mir wahrlich erstrebenswert
erscheint.
Doch worauf will ich hier eigentlich hinaus? Ganz einfach: Egal, wohin es mich kendotechnisch führt, überall treffe ich mehr oder weniger viele Leute, die meinen,
mir oder anderen beim oder nach dem Training jede Menge (Lebens-)Weisheiten beibringen zu müssen, da man diese ja anscheinend unmittelbar zusammen mit einem Fortschreiten
im Kendo von einer höheren Macht eingeflüstert bekommt. Ich spreche hier - natürlich - nicht von den Hintergründen bestimmter kendospezifischer Verhaltensweisen,
sondern von das allgemeine Leben und Denken betreffenden Phrasen. Es fängt ja schon damit an, daß Leute mit Kendo beginnen, um die "Philosophie dahinter"
zu suchen und zu erfahren. Welche Philosophie oder Lehre, bitte, ist das denn? Buddhismus? Postmoderne? Aufklärung? Oder einfach eine angenehm ausgeprägte Beharrlichkeit
bestimmten moralisch-ethischen Werten wie Fairness, Freundlichkeit, Ehrbarkeit, Selbstkritik, Zurückhaltung usw. gegenüber? Wohl doch eher letzteres, und das kann
man wohl nicht nur beim Kendo finden. Wie in so vielen Bereichen des Lebens kann sich jede Tätigkeit in mehreren Stufen entwickeln, und im Kendo ist das nicht besser
oder schlechter erfahrbar als z.B. beim Sportschießen oder Handwerken. Zwischen dem einfachen Tun, dem Wissen um sein Tun und dem Überdenken und Übertragen dieses Wissens
in sein tägliches Leben und auf das Objekt seines Tuns besteht ein großer Unterschied. Und wie in so vielen Bereichen kann man wohl auch im Kendo nur wahre Meisterschaft
erlangen, wenn man diese letzte Stufe zu erreichen vermag, also auch die geistige Entwicklung mit der körperlichen einhergeht. Interessanterweise halten sich aber gerade
die meisten der diese Stufe erreicht habenden Exponenten mit dem Lehren von Lebensweisheiten deutlich zurück.
Bleibt also die Überlegung, inwiefern eine philosophische Reife beim
Kendo mit dem sportlichen Können einhergehen kann und muß.
Es gibt technisch hervorragende Kendoka jeder Graduierung, die außerhalb
oder auch innerhalb des Dojos wenig von einer "philosophischen"
Bildung aufweisen können, denen gegenüber wiederum Kendotreibende
stehen, die zwar mit ihrem Können nicht zu überzeugen vermögen,
wohl aber mit ihrem Wesen und ihrem Charakter.
Ich frage mich dann immer, wo denn die berühmte Tugendhaftigkeit
des Kendo bleibt, wo die "Philosophie", wo die so gefeierten
Grundsätze des Budo, wenn diese von manchen teilweise nur im festgeschriebenen
Reglement angenommen und verwirklicht werden können oder wollen.
Wie soll ich jemanden als einen Sensei, also mehr als einen Mentor denn
als Trainer, annehmen, wenn dieser - unter dem Beifall so mancher deutschen
Kendogröße - der Ansicht ist, Kendo würde man am besten
erfahren, wenn man hyperventilierend, mit blutigen Füßen
und sich übergebend in der Umkleidekabine liegt? Und was soll ich
davon halten, wenn genau dieser Tatbestand freudig als Durchhaltevermögen
und Kampfeswille der nachwachsenden deutschen Kendojugend gefeiert wird?
Fragen über Fragen...
Und ehrlich gesagt: Davon halte ich gar nichts. Und die Philosophie
dahinter sehe ich schon überhaupt nicht.
Philosophie ist anerkannt ein sehr schwieriges Gebiet, erfordert viel
Zeit, Muße und eine gewisse Fähigkeit, nachzudenken und rückzuschließen.
Sie ist, wie Platon schon anmerkte, eine sehr persönliche Angelegenheit
und muß individuell erfahren und herausgeformt werden, bevor man
sich im kantschen Sinne im Diskurs anderen offenbart und die eigenen
Erkenntnisse zur Disposition stellt ("Weisheit und Tugend sind
nur dort wirklich möglich, wo es eine Beziehung gibt zwischen Mensch
und Mensch."). Platon läßt Sokrates trotz dessen unbestreitbaren
Einflusses in seinem Prozeß behaupten (Apologie 33 A), er sei
nie irgendjemandes Lehrer gewesen; die Erkenntnis seiner selbst und
des eigenen Wesens durch eine dialektisch analytische Methodik, die
alternative Hypothesen und Erklärungen zur Ergebnisfindung gegeneinander
abwägt, ist daher für den Menschen das wahre Ziel alles Wissens
und deshalb des Lebens, denn "ein Leben ohne Selbsterforschung
ist nicht wert, gelebt zu werden" (Apologie 38 A). Philosophische
Einsichten, und damit einhergehend eine Veränderung des eigenen
Lebens und Denkens, kann man dabei auf vielerlei Arten erlangen, sei
es durch das Studium des Buddhismus, des Neuen Testaments, der Philosophie
oder anderer Quellen. Diese Einsichten erschließen sich einem
nicht automatisch durch regelmäßiges Kendotraining oder das
zehnte Anschauen der "Sieben Samurai" oder das Auswendiglernen
der "Fünf Ringe", sondern durch kontinuierliches Lesen,
Nachdenken, Analysieren und Umsetzen verschiedenster Lektüren,
Erlebnisse und Hinweise. (Mir persönlich haben die kleinen Bände
"Lektüre für Minuten" von Hermann Hesse mehr Einsichten
und Denkanstöße gegeben als die ca. 20 Zen-/Samurai-/Budo-Bücher,
die ich bisher gelesen habe.)
Jeder muß zur Philosophie seinen eigenen Zugang finden und braucht
Hinweise zu Lektüre und Verständnis, weniger als Tatsachen
festgeschriebene Meinungen. Wie gesagt, geschieht das alles individuell
und sollte stets zur Diskussion stehen, um im gemeinsamen Gespräch
wie im gemeinsamen Training voneinander lernen zu können und voranzuschreiten.
Aber Philosophie muß nicht unbedingt - und schon gar nicht automatisch
- etwas mit dem Ausüben von Kendo zu tun haben, denn das eigentlich
kriegerische, tiefergehende, ist unserer Gesellschaft als solches nicht
immanent und kann aufgrund der nicht mehr unmittelbar erfahrbaren Todesnähe
- einem wichtigen Bestandteil der Budo-Lehre - wenn überhaupt nur
schwer vermittelt werden. Wer wird denn im Ernst behaupten, irgendeinen
Weg des Kriegers zu gehen, wobei noch niemand von uns der unmittelbaren
Gefahr des Schlachten- oder Kampfestodes gegenüberstand und diese
direkt erfahren und umsetzen konnte? Natürlich kann Kendo als ein
unbestreitbar guter Katalysator in der Erfahrung und Umsetzung bestimmter
Einsichten wirken, aber ich sehe die sog. Philosophie des Kendo für
mich inzwischen als weitgehend von speziellen philosophischen Richtungen
losgelöst.
Für den Japaner ist das natürlich aufgrund seines kulturellen
Hintergrundes anders, er verbindet im Budo Körper und Geist untrennbar
miteinander und bezieht viele Lehren daraus auf sein tägliches
Leben, aber ich bin kein Japaner, entstamme einer anderen Kultur und
behaupte, nein, ich weiß, daß es sehr weise und charakterlich
große Menschen unter uns gibt, die körperlich schwach sind,
während man viele ganz hervorragende Sportler - auch Kendoka -
sieht, die diese Eigenschaften nicht gerade überzeugend zutage
tragen. Philosophie beim und durch Kendo ist also nichts anderes als
die immer wieder hervortretenden, auf vielerlei Arten erfahrbaren Grundsätze
der Philosophie, Moral und Ethik überhaupt. Warum sollte also ein
bestimmter Grad im Kendo automatisch dazu legitimieren, anderen neben
Kendo Lebensgrundsätze oktroyieren zu dürfen? Tut er natürlich
auch nicht, aber viele Schüler sehen das anscheinend so und glauben
blind daran. Niemand würde in Deutschland auf die Idee kommen,
vor seinem Professor für dessen Lehren und Anmerkungen auf die
Knie zu fallen und sich wiederholt demütig zu verbeugen. Der Dank
wird in Form großen Respektes und großer Dankbarkeit gezollt,
und das auch verdient. Und diese Kombination aus Respekt und Dankbarkeit
steht auch einem guten Kendolehrer in gleichem Maße zu, nur warum
muß diese so oft in anbiedernde Demut ausarten? Ist das ein Teil
der Kendophilosophie, sich selbst für geringer als andere zu erachten,
die aufgrund eines jahrzehntelangen, täglichen Trainings naturgemäß
doch so ein kleines bißchen besser sind als man selbst? Natürlich
drückt man im Kendo seine Dankbarkeit durch eine Verbeugung aus,
und daran ist ja auch nicht das geringste auszusetzen, aber Verbeugung
ist nicht gleich Verbeugung, der Grat zwischen Respekt und Demut ist
dabei nur sehr schmal.
Keine Diskussion, was mir ein Sensei zu Techniken etc. sagt, wird im
Dojo nicht in Frage gestellt, aber auch ich habe einen Kopf zum Denken
und nehme mir das Recht heraus, die Worte dieses Senseis nicht für
absolut zu nehmen, sondern sie zu vergleichen und zu hinterfragen, bevor
ich sie anzunehmen bereit bin. Ich bin Europäer und frei denkender
Mensch im Sinne Spinozas und halte wenig vom "Glauben und Machen,
ohne darüber nachzusinnen". Nicht im Dojo, aber zu Hause oder
im Gespräch mit anderen. Und wenn ein japanischer Sensei von 1,65
m Länge mir bestimmte, natürlich wohlgemeinte Tips gibt, die
ich mit 1,95 und 60 kg mehr nun einmal nicht umsetzen kann (Zitat: "Kleine
Trippelschritte..."), muß ich also einen anderen Weg suchen,
um meine Fehler zu bekämpfen. Das schöne an den Ergebnissen
des Nachsinnens und Ausprobierens ist dann, und das wird mir hoffentlich
jeder bestätigen können, daß diese sich schließlich
auch wieder im eigenen Kendo zeigen, indem man einen Fortschritt im
sportlichen Verhalten durch eine Reifung des eigenen Wesens und neue,
eigene Erkenntnisse feststellen kann.
Ich denke, Kendo ist zuerst einmal Sport, sonst nichts. Zu Kendo im eigentlichen, von allen propagierten Sinne wird es erst durch die Entwicklung des Geistes. Und diese kann auf verschiedenste
Art und Weise stattfinden und ist unabhängig von japanischer Religion und Kultur, da sie allein auf den Grundsätzen des zivilisierten und kultivierten menschlichen Zusammenlebens und
Denkens beruht.
Wie sieht es nun also mit der versprochenen Erleuchtung aus?
Weisheit A: Im Dojo sagt der Chef, wo es langgeht.
Weisheit B: Kendo selbst lernt man nicht durch Quatschen, sondern durch hartes Training.
Weisheit C: Wirst Du getroffen, warst Du zu langsam.
Weisheit D: Hast Du gewonnen, denk darüber nach.
Weisheit E: Hast Du verloren, denk darüber nach.
Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?
P.S.: Mit großem Interesse habe ich den Artikel "NRW Troika" von Jörg Goebeler in der Ausgabe 21 verfolgt, bestätigt doch das Geschilderte meine Thesen, Kendo als solches
mache keine besseren, charakterlich größeren Menschen. Den Inhalt brauche ich hier gar nicht wiederzugeben, geht es mir doch nur darum, daß auch unter uns erschreckend wenigen
Kendoka in Deutschland (Woran das wohl liegen mag???) so manches faul ist und Vereinsmeierei, Betrug, Opportunismus und das Streben nach Machtpositionen allerorten anzufinden sind. Und machen
wir uns mal nichts vor... in Japan wird das nicht anders aussehen, man bekommt nur weniger davon mit. Wahrlich schlimm finde ich am ganzen Artikel allerdings einen Satz, der einen Demokraten
sehr nachdenklich machen sollte: "[...] am liebsten diesen Artikel als nicht geschrieben sehen würde." Also ein klassischer Vertuschungsversuch. Ich kann mir gut vorstellen, in
welch schwierige Lage Jörg durch seine kritische Offenheit geraten ist, steht er doch wohl nicht nur in seinem Umfeld als "Verräter" da, sondern auch als illoyales Mitglied
der Kendogemeinschaft überhaupt. Daß Kendoka nicht nur gute Ritter und wahre Charaktermenschen sein müssen, beweist neben dem Willen zur Vertuschung des ganzen auch der Druck,
der jetzt auf Jörg liegen mag. Ich hoffe, er sieht über dieses niedere und undemokratische Verhalten hinweg und bleibt sich treu.
Und zum Abschluß noch eine kleine Anmerkung: Pressefreiheit ist
im Grundgesetz verankert, das, wenn ich mich nicht ganz irren sollte,
auch für die deutsche Kendogemeinde gilt.
(Spätherbst 1999. Entstanden in Zusammenarbeit mit Jens Siebert.)
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